Blinde Flecken in der Führung: Wie das Johari-Fenster zu mehr Selbstreflexion und besserer Führung beiträgt
- raphaelmammerler
- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit

In meiner Arbeit als Coach und Supervisor für Führungskräfte begegnet mir der blinde Fleck regelmäßig. Besonders erfahrene Führungskräfte sind oft überrascht, wie stark sich ihre Selbstwahrnehmung von der Wahrnehmung ihres Teams unterscheiden kann.
Sie wissen, wie sie entscheiden. Sie wissen, wie sie auftreten. Und sie haben meistens auch ein recht klares Bild davon, wie sie im Team wirken.
Nur: Dieses Bild stimmt nicht immer.
Genau hier beginnt eines der häufigsten – und gleichzeitig am meisten unterschätzten – Probleme in der Führung. Denn zwischen der eigenen Wahrnehmung und der Wirkung auf andere liegt oft eine Lücke.
Das Modell des Johari-Fenster hilft dabei, diese Lücke sichtbar zu machen und ihren Ursprung zu verstehen. Es zeigt, warum Missverständnisse entstehen, weshalb Feedback manchmal überrascht und warum Selbstreflexion zu den wichtigsten Fähigkeiten einer guten Führungskraft gehört.
Was ist das Johari-Fenster?
Das Johari-Fenster ist ein psychologisches Modell zur Selbst- und Fremdwahrnehmung. Es veranschaulicht, dass es immer Bereiche gibt, die uns selbst bekannt sind, andere aber nicht kennen – und umgekehrt.
Gerade für Führungskräfte ist dieses Modell besonders hilfreich. Denn erfolgreiche Führung hängt nicht nur davon ab, was gesagt oder entschieden wird, sondern auch davon, wie das eigene Verhalten auf Mitarbeitende wirkt.
Wer seine Wirkung besser versteht, kann klarer kommunizieren, Vertrauen aufbauen und Missverständnisse frühzeitig vermeiden.
Das eigentliche Problem: Sie kennen sich – aber eben nur aus Ihrer Perspektive
Die meisten Konflikte in Teams entstehen nicht, weil Menschen zu wenig wissen oder fachlich nicht kompetent sind.
Häufig liegt die Ursache vielmehr darin, dass Menschen sich gegenseitig anders erleben, als sie selbst glauben.
Vielleicht kennen Sie solche Situationen:
„Ich war doch eindeutig.“
„Das habe ich ganz anders gemeint.“
„Warum wird meine Rückmeldung jetzt als Kritik verstanden?“
Zwischen der eigenen Absicht und der tatsächlichen Wirkung liegt oft eine größere Distanz, als uns bewusst ist.
Das Johari-Fenster – einfach erklärt
Das Modell unterscheidet vier Bereiche der Selbst- und Fremdwahrnehmung.

1. Der öffentliche Bereich
Hier befinden sich Eigenschaften und Verhaltensweisen, die sowohl Ihnen als auch Ihrem Umfeld bekannt sind.
Zum Beispiel:
Ihre Art zu kommunizieren
Ihr Führungsstil
Ihr Auftreten in Besprechungen
Je größer dieser Bereich ist, desto leichter fällt eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.
2. Der blinde Fleck
Der blinde Fleck umfasst alles, was andere an Ihnen wahrnehmen, Ihnen selbst aber nicht bewusst ist.
Zum Beispiel:
Sie wirken bestimmter, als Sie glauben.
Sie unterbrechen häufiger, als Ihnen auffällt.
Ihre direkte Art wird von einzelnen Mitarbeitenden als Druck empfunden.
Gerade dieser Bereich entscheidet häufig darüber, wie Führung tatsächlich erlebt wird.
3. Der verborgene Bereich
Hier liegen Gedanken oder Gefühle, die Sie bewusst für sich behalten.
Unsicherheit, Zweifel oder Überforderung gehören ebenso dazu wie persönliche Werte oder Motive.
Natürlich muss eine Führungskraft nicht alles von sich preisgeben. Gleichzeitig kann zu viel Zurückhaltung dazu führen, dass Mitarbeitende Sie als distanziert oder schwer einschätzbar erleben.
4. Der unbekannte Bereich
Dieser Bereich umfasst Potenziale, Stärken oder Verhaltensweisen, die weder Ihnen noch Ihrem Umfeld bewusst sind.
Oft werden sie erst in neuen Rollen oder herausfordernden Situationen sichtbar.
Warum das im Führungsalltag so wichtig ist
Viele Führungskräfte versuchen Probleme dort zu lösen, wo sie sichtbar werden:
mehr Meetings
häufigere Abstimmungen
detailliertere Anweisungen
Dabei liegt die eigentliche Ursache oft tiefer.
Nicht fehlende Kommunikation ist das Problem – sondern fehlende Selbstwahrnehmung.
Ein Beispiel aus dem Führungsalltag
Eine Teamleiterin beschreibt ihren Führungsstil als offen und unterstützend. Im Rahmen eines Feedbackgesprächs erfährt sie jedoch, dass ihr Team sie häufig als unnahbar erlebt. Der Grund: Sie gibt zwar klare Anweisungen, nimmt sich im hektischen Arbeitsalltag aber kaum Zeit für Rückfragen oder persönliche Gespräche.
Ihre Absicht war Klarheit.
Die Wirkung war Distanz.
Genau solche Unterschiede macht das Johari-Fenster sichtbar.

Feedback macht den blinden Fleck kleiner
Der blinde Fleck lässt sich nicht allein erkennen.
Dafür braucht es andere Menschen.
Ehrliches Feedback ist deshalb kein Zeichen von Schwäche, sondern eine wichtige Voraussetzung für persönliche und berufliche Entwicklung.
Es hilft dabei, das eigene Selbstbild mit der tatsächlichen Wirkung abzugleichen.
Ein drastisches aber klares Beispiel: Die Kollegin mit schon längerem, zu starkem Körpergeruch freundlich unter 4 Augen darauf hinweisen. Alleine erkennt Sie es anscheinend nicht. Unangenehm, aber wichtig zu tun. Auch, um ihr eigenes Wohlbefinden und Zugehörigkeit zum Team zu stärken.
Was Sie konkret tun können
Schon kleine Veränderungen können viel bewirken.
1. Holen Sie gezielt Feedback ein.
Fragen Sie beispielsweise:
„Wie erleben Sie meine Kommunikation in Besprechungen?“
„Wann wirke ich unklar oder wenig erreichbar?“
Konkrete Fragen führen meist zu hilfreicheren Antworten als die allgemeine Frage: „Haben Sie Feedback für mich?“
2. Beobachten Sie Reaktionen.
Nicht jede Rückmeldung wird ausgesprochen. Körpersprache, Nachfragen oder Unsicherheiten im Team können ebenfalls Hinweise auf Ihren blinden Fleck geben.
3. Verstehen Sie Selbstreflexion als Führungsaufgabe.
Führung bedeutet nicht, perfekt zu sein. Führung bedeutet, bereit zu sein, sich weiterzuentwickeln.

Fazit
Das Johari-Fenster ist weit mehr als ein psychologisches Modell.
Es erinnert uns daran, dass gute Führung nicht allein von Fachwissen oder Erfahrung abhängt. Entscheidend ist auch die Bereitschaft, die eigene Wirkung immer wieder zu hinterfragen.
Viele blinde Flecken lassen sich allein nur schwer erkennen. Deshalb nutzen immer mehr Führungskräfte Coaching, Supervision oder strukturierte Feedbackprozesse, um ihre Selbstreflexion zu stärken und ihre Führungswirkung gezielt weiterzuentwickeln. Nicht weil sie schlechte Führungskräfte sind. Sondern weil sie gute Führung als einen kontinuierlichen Lernprozess verstehen.
Wenn Sie sich
Ihre möglichen Blinden Flecken ansehen möchten oder
in eine begleitende fachliche Supervision investieren wollen
informieren Sie sich bei mir im kostenlosen Online-Kennenlerngespräch.
Häufige Fragen zum Johari-Fenster
Was ist das Johari-Fenster?
Das Johari-Fenster ist ein psychologisches Modell, das die Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung beschreibt. Es hilft dabei, die eigene Wirkung auf andere besser zu verstehen. Entwickelt wurde es 1955 von den amerikanischen Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingham. Der Anfang der beiden Vornamen JO seph und HAR ry führten zur Namensgebung.
Warum ist das Johari-Fenster für Führungskräfte wichtig?
Weil erfolgreiche Führung nicht nur von der eigenen Absicht abhängt, sondern auch davon, wie Kommunikation und Verhalten tatsächlich wahrgenommen werden.
Kann man den blinden Fleck verkleinern?
Ja. Vor allem durch ehrliches Feedback, regelmäßige Selbstreflexion sowie Coaching oder Supervision.
Zum Autor
Raphel Mammerler MSc., gebürtiger Wiener, arbeitet im deutschsprachigen Raum als Trainer, Coach und Supervisor für Motivation und berufliche Entwicklung. Er forschte, im Rahmen seines Bachelors der Wirtschaft und Masterstudiums der Achtsamkeit, an den Wirkmechanismen und Effekten des Mindful Coworking.




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